Richard Wagner in der Fränkischen Schweiz

FRÄNKISCHE SCHWEIZ. Der Prominenten gab es im 19. Jahrhundert viele, welche die landschaftlichen Schönheiten der Region bestaunten. Darunter der Frankenlieddichter Victor von Scheffel, der Zeichner Ludwig Richter, Reichskanzler von Bismarck und der Komponist Richard Wagner. Die Erinnerung an die Besuche ist bis heute, dank des Schriftstellers August Sieghardt, in den Herzen der einheimischen Bevölkerung wach geblieben.

Einer davon, Richard Wagner, unternahm seinen „Antrittsbesuch” in die Fränkische Schweiz Anfang Juni 1879. Wie in der Wagnerbiografie von Carl Friedrich Glasenapp (vierte Auflage, Leipzig 1905) nachzulesen ist, machte sich Richard Wagner mit Frau Cosima und den drei Kindern „unter prompter Benützung günstiger Witterungsaussichten für den kommenden Tag” per Kutsche auf den Weg. Über Creußen, Pegnitz und Pottenstein kam er nach Gößweinstein. Nach dem Essen lief die Familie einige Meter durch „den schönen Wald” und fuhr weiter mit der Kutsche nach Muggendorf, wo man Quartier bezog. „Trotz ungenügender Betten und Kopfkissen verbrachte der Meister hier eine sehr gute Nacht” hielt Glasenapp fest. Am nächsten Tag führte die siebenstündige Rückfahrt nach Streitberg und über den mittelalterlichen Geleitweg nach Hollfeld und Bayreuth. Unterwegs hatte Wagner ein Erlebnis. Er traf einen „armen Krüppel, zum Unglück auch noch einäugig”, der mit seinem Handwerkszeug auf dem Rücken nach Streitberg lief. Wagner beschenkte den Armen „mit einem reichlichen Almosen und dem Segenswunsche, dass jener jemanden findet, der ihm weiter hilft”.

Erfreut registrierte Wagner am nächsten Tag, dass sein Wunsch scheinbar in Erfüllung ging. Er sah den Krüppel auf dem Wagen eines Bauern sitzend, „der ihn weiter beförderte”, schrieb Glasenapp. August Sieghardt, profunder Kenner der Fränkischen Schweiz und Autor zahlreicher Heimatkundebücher versuchte vor 60 Jahren, noch mehr Details der kurzen Wagner-Reise herauszufinden. Er brachte in Erfahrung, dass die Wagners in Tüchersfeld Rast hielten, „um die hier in unvergleichlicher Kühnheit aufstrebenden Felsenpartien” zu bewundern. Behringersmühle habe man „links liegen gelassen” schreibt er weiter, weil die Familie nach dem Mittagessen durch den Eibenwald zur Stempfermühle und weiter zur Sachsenmühle laufen wollte, wo die Privat-Kutsche nach Muggendorf wartete. Am Ziel angelangt, nahm die Familie Quartier im Gasthof „Kohlmannsgarten”, vermutet Sieghardt, woran die Richard-Wagner-Linde Linde vor dem Haus erinnern soll.

Einer hartnäckigen Sage folgend, hat Richard Wagner die Gößweinsteiner Burg als Vorbild für seine Gralsburg im Parsival genommen. Aus drei Gründen kann die Vermutung laut Sieghardt nicht stimmen. Im Gespräch mit dem Sohn Richard Wagners, Siegfried erfuhr er, „dass man im Haus Wahnfried wisse, dass solch eine Überlieferung besteht”, aber „von seinem Vater darüber nichts mitgeteilt wurde”. Dagegen spricht auch die Tatsache, dass der Parsival schon fertig war, ehe die Wagners die Reise unternahmen. Und drittens: eine Anfrage Sieghardts an den Leiter der „Richard-Wagner-Forschungsstätte”, Dr. Strobel ergab seinerzeit, „dass sich die Meinung über die angebliche „Gralsburg Gößweinstein" nur auf die Lage der Burg und nicht etwa auf ihr damaliges, bauliches Äußere beziehen könne”.

In Erinnerung an die Besuche Richard Wagners gibt es in der Region (ausgenommen Bayreuth) noch heute einige Örtlichkeiten, die nach ihm benannt sind. So zum Beispiel die Richard-Wagner-Straße in Pegnitz und die Richard-Wagner-Felsen in Waischenfeld und bei Obertrubach: Ersterer war ein Aussichtspunkt im Waischenfelder Buchberg bis hoch wachsende Bäume die Sicht versperrten. Am Obertrubacher Felsen (gegenüber der Reichelsmühle), der mit einiger Fantasie den Kopf des Meisters zeigt, wird heute fleißig geklettert. Nicht zu vergessen die vom Heimatverein gepflegte „Wagnershöhe” in Gößweinstein. Sie bietet einen schönen Blick auf die Basilika und den Ort. Vor 150 Jahren, im Jahre 1859 wurde übrigens Tristan und Isolde fertig. Reinhard Löwisch

Info: unter www.zeno.org/musik gibt es die komplette 6-bändige Glasenapp-Biografie Richard Wagners online zum Nachlesen. Außerdem empfehlenswert: August Sieghardt: Die fränkische Schweiz. Glock und Lutz Nürnberg, 3. Auflage 1971. In der Bücherei des FSV kostenlos ausleihbar.

Richard Wagner (Wilhelm) Richard Wagner Geboren am 22.5.1813 in Leipzig; gestorben am 13.2.1883 in Venedig.

Wagner war das jüngste von neun Kindern eines Polizeiaktuarius. Fünf Monate nach seiner Geburt starb der Vater; der Schauspieler und Maler Ludwig Geyer nahm sich der Witwe und der Kinder an (starb aber auch bereits 1821). Wagner begann 1831 an der Universität Leipzig ein Musikstudium, 1833 holte der Sänger Albert Wagner den jüngeren Bruder nach Würzburg, dort wurde er Choreinstudierer. Im Sommer 1834 engagierte ihn eine Operntruppe als Dirigenten nach Magdeburg; dort verliebte er sich in die Schauspielerin Minna Planer: er folgte ihr nach Königsberg, wo sie 1836 heirateten, dann nach Riga; vor ihren Gläubigern flüchteten sie über Norwegen und London nach Paris, wo sie von September 1839 bis April 1842 in großer Not lebten. Die triumphale Uraufführung des "Rienzi" am 20.10.1842 in Dresden legte den Grundstein zu seinem Ruhm. 1843 wird er zum kgl. sächs. Hofkapellmeister ernannt. 1849 kämpfte er beim Dresdner Maiaufstand auf der Seite der Aufständischen und mußte anschließend in die Schweiz flüchten. Bis 1858 wohnte er in Zürich, die nächsten Jahre verbrachte er mit kurzen Aufenthalten an verschiedenen Orten: Venedig, Luzern, Wien, Paris, Biebrich (bei Wiesbaden), Berlin. 1864 errang er die Gunst des bayrischen Königs Ludwig II., der seine Schulden bezahlte und ihn auch weiterhin unterstützte. Da Wagner versuchte, sich in die bayrische Politik einzumischen, wurde er zeitweise aus München verbannt und zog nach Genf, dann nach Tribschen (bei Luzern). 1872 ging er nach Bayreuth und legte den Grundstein für das Festspielhaus, das 1876 eingeweiht wurde. Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit zog Wagner 1882 nach Venedig, wo er 1883 starb. Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/

Ende Mai 1879 besuchte Richard Wagner die Fränkische Schweiz. Carl Friedrich Glasenapp (1847–1915) schrieb in seiner Biografie (4. neu bearbeitete Ausgabe, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1905) über „Das Leben Richard Wagners”, im Band VI, Seite 207
(Onlinequelle: http://www.zeno.org/Musik/M/Glasenapp,+Carl+Friedrich/Das+Leben+Richard+Wagners)

….wurde denn eines Tages, unter prompter Benutzung günstiger Witterungsaussichten für den kommenden Tag, ein längst geplanter Ausflug mit der ganzen Familie in die fränkische Schweiz anberaumt. Schnell ward das dafür Nötige gepackt; in der Frühe stand der Wagen vor der Tür und wurde fröhlich bestiegen, während der Meister selbst in heiterster Laune die Arie des Olivier aus ›Johann von Paris‹ dazu anstimmte: ›begibt mein Herr sich auf die Reise, so ist es prächtig anzusehn‹. Über Pegnitz und Pottenstein ging es weiter nach dem romantischen Gößweinstein. Am letzteren Orte ward in einer kleinen ländlichen Wirtschaft ein heiteres Mahl eingenommen; dann ging es auf schönen Wald wegen am Ufer der Wisent, teils zu Fuß, teils zu Wagen nach Muggendorf, wo ein herrlicher Abend ihrem Einzug leuchtete. Es freute ihn, mit seiner Gemahlin auf dem Mittelbalkon des Gasthauses stehend, die Köpfe der Kinder hintereinander aus den Fenstern der von ihnen eingenommenen Zimmer blicken zu sehen. Trotz ungenügender Betten und Kopfkissen und des Mangels der gewohnten häuslichen Bequemlichkeiten verbrachte er dennoch eine gute Nacht; um ½ 9 Uhr früh erfolgte der Aufbruch unter beständiger Freude an der lieblichen Gegend, den üppigen Wiesen, nach Bayreuth. Ein besonderes Abenteuer dieses Ausfluges war die Begegnung mit einem armen Krüppel, der, zum Unglück auch noch einäugig, mit seinem Handwerkszeug auf dem Rücken, zu Fuß nach Streitberg wanderte, um daselbst Schuhe zu flicken. Es war für ihn jederzeit eine Unmöglichkeit, etwas zu genießen und dabei einen solchen Anblick zu erleben, ohne irgendwie erleichternd und fördernd einzugreifen. Er gab dem Armen, der ihn wie aus einem Märchen heraus anblickte, ein reichliches Almosen, mit dem Wunsche, dass er wiederum jemand finde, der ihm weiter helfe. Umso mehr freute es ihn andern Tages auf dem Rückweg über Streitberg den Armen wieder zu sehen und wahrzunehmen, dass sein Segenswunsch ihm genützt, indem ein Bauer ihn auf seinen Wagen genommen und so weiterbefördert habe. Um ½ 4 Uhr war man wieder in Bayreuth und der Abend schloss mit einem Zusammensein in Wahnfried mit Wolzogen und Rubinstein …