Joseph Victor von Scheffel in der Fränkischen Schweiz

Download: Die Geschichte des Scheffeldenkmales, zusammengetragen aus alten FSV-Heften von Georg Knörlein. (1 MB)

Download: Die FT-Serie von Reinhard Löwisch über die Standorte der Scheffeltafeln (14 MB)

Scheffelabend am 18.9. im Scheffelgasthaus zu Gößweinstein.

GÖSSWEINSTEIN. Einen vergnüglichen Abend erlebten die Besucher des „Scheffelabendes„ den der Fränkische Schweiz-Verein zusammen mit dem örtlichen Heimatverein im Scheffelgasthaus, gegenüber dem Scheffeldenkmal veranstaltete. Anlass war der 190. Geburtstag des Joseph Victor von Scheffel.

Naturgemäß drehte sich der Abend ausschließlich um das Leben und Wirken des berühmten badischen Schriftstellers, der ob seiner Verdienste sogar in den Adelsstand erhoben wurde. Walter Tausendpfund, der Kulturchef des Fränkische Schweiz-Vereins, bot einen interessanten Vortrag zum Leben und Wirken von Joseph Victor von Scheffel an, der auch in der Fränkischen Schweiz, neben Kloster Banz und Staffelstein, nachhaltige Spuren hinterlassen hat. Ganz oben auf seiner Liste steht der „Exodus Cantorum“ oder der Domchorknaben Sängerfahrt. Ein fiktiver Ausflug junger Bamberger Schüler, mit realen Begebenheiten vermischt, die er auf seiner einwöchigen Wanderreise durch die Fränkische Schweiz, im Sommer 1859, erlebte. Dabei entstanden 18 Verse, in denen er die Besonderheiten der Region hervorhob und seine Geschichtskenntnisse mit einbrachte. Er lobte das gute Essen, die romantische Landschaft und den Gerstensaft. Nur einmal, so hielt er im Gedicht fest, musste er auf seiner Wanderung Wasser trinken. Die Verse hat der Fränkische Schweiz- Verein (FSV) 1925/26 vermutlich anlässlich seines 100. Geburtstages auf Holztafeln aufmalen lassen und an Originalschauplätzen aufgestellt. Im Laufe der Jahre erinnerten sich die FSV-Chefs immer wieder der Tafeln und ließen sie nach und nach erneuern. Zum letzten Mal vor zehn Jahren unter dem damaligen FSV-Chef Paul Pöhlmann. Die im Frühjahr vorgenommene Inventur der Tafeln ergab einen guten Gesamtzustand. Zwei Tafeln mussten wegen Umbauarbeiten beziehungsweise Wegverlagerung umgestellt werden, ansonsten waren nur Reinigungsabrieten notwendig.

Ein ebenfalls nachhaltiges Relikt des begnadeten Schriftstellers ist das Scheffeldenkmal, das gegenüber dem Scheffelgasthaus in einer kleinen Anlage steht. Es wurde 1933 mit großem Pomp eingeweiht, sieben Jahre nachdem die Idee vom damaligen Heimatschriftsteller August Sieghardt in der FSV-Zeitschrift publiziert worden war. Das Denkmal besteht aus einer Säule, auf dem ein fiktiver Bamberger Sängerknabe mit einer Fidel im Arm sitzt. In die Säule ist ein Relief von Scheffel eingelassen und einige Gedichtverse  aus Scheffels Gaudeamus erinnern an seine Wanderfreuden. Das Denkmal stammt vom Forchheimer Georg Leisgang. Es besteht aus fränkischem Muschelkalk und ist 3,50 Meter hoch. Die Anlage gehört der Gemeinde und wird auch von ihr gepflegt. Als drittes Denkmal nannte Tausendpfund die „Scheffelstube“ im gleichnamigen Scheffelgasthaus. Nachdem bekannt war, dass Scheffel mehrere Male im Gasthaus Distler in Gößweinstein übernachtete, kam der damalige Gasthofbesitzer Heßler auf die Idee, sein Gasthaus umzubenennen und eine Scheffelstube einzurichten. August Sieghardt und der Scheffelbund, der mittlerweile größte Literaturverein Deutschlands halfen dabei mit, die Gaststube mit Exponaten auszustatten. Im Juli 1929 wurde die Stube eröffnet, ein Jahr später befanden sich bereits 100 Objekte im Zimmer. Kurios: der originale Scheffel-Gästebucheintrag von 1883 wurde später mit einer Schere ausgeschnitten und verschwand spurlos. Jahre später fand er sich wieder in einem undatierten Kuvert im Briefkasten. Seither ist er Bestandteil eines Scheffel-Portrait-Bildes in der Scheffelstube.

Damit die Erinnerung an den Besuch des prominenten Schriftstellers nicht nachlässt, hat der FSV nun eine zweite Auflage des kleinen Flyers heraus gegeben, das neben einer Karte mit den Standorten der Tafeln alle Textstrophen der Domchorknaben Sängerfahrt enthält. Die Sparkasse Forchheim hat das Prospekt finanziert, betonte FSV-Chef Reinhardt Glauber bei der Vorstellung. Das Prospekt; Auflage 5000 Stück, wird kostenlos an alle interessierten Bürger verteilt und auch über einige Touristinformationen und in der FSV-Geschäftsstelle zu haben sein. Der kurzweilige Abend ist durch den Fränkische Schweiz- Chor und dem Männergesangverein Gößweinstein-Wichsenstein musikalisch umrahmt worden. Eberhard Hofmann hat mit seinem Akkordeon den Schlusspunkt gesetzt. Er intonierte das „Frankenlied“, dessen Text ebenfalls aus der Feder von Victor von Scheffel stammt. Unter den Ehrengästen befand sich auch Bürgermeister Hanngörg Zimmermann und sein Amtsvorgänger Georg Lang.

 

Bild 1: Lusie Heßler in ihrer Scheffelstube

Bild 2: Blick in das Gastzimmer. Fast alle Stühle waren belegt.

Bild 3: Der Männergsangverein Gößweinstein-Wichsenstein

Bild 4: Der Fränkische Schweiz-Chor

 

Die „Reisebeschreibung“ in Form der 18 Gedichte, die Scheffel auf seiner einwöchigen Reise 1859 geschrieben hat, dokumentiert auch das in einer 2. Auflage von 5 000 Exemplaren erschienene Prospekt, in dem neben einer kurzen Scheffel-Biografie die genauen Standorte und der jeweilige Text der „Scheffel-Tafeln“ beschrieben sind. Insgesamt 26 Tafeln an 18 Standorten zeichnen damit den (Fuß-) Weg Scheffels durch die Fränkische Schweiz nach: Angefangen in Forchheim-Reuth durch das Wiesenttal (Walberla) bis Gößweinstein; mit Abstechern nach Wichsenstein, Pottenstein, Rabenstein, Rabeneck und Aufseß. Eine Übersichtskarte erleichtert die Orientierung. 

Die Neuauflage der Broschüre (Bild) ist fertig gestellt. Das Heft kann kostenlos in der Geschäftsstelle und einigen Touristinfos abgeholt und verteilt werden.

 

 

 

 

 

Zur Vita des Schriftstellers

Im August 1859 bereiste der Karlsruher Jurist und Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel das erste Mal die Fränkische Schweiz, wie vor ihm schon Ludwig Richter, J.W. Goethe und Ernst Moritz Arndt, der schon im 18. Jahrhundert die Region besang: „Angelockt“ durch Reisebeschreibungen namhafter Autoren, die ursprünglich die (bekanntere) unterirdische Höhlenwelt beschrieben und nun in der „romantischen“ Epoche das Mittelalter und die daraus entstandenen Burgen auf den Talhängen „verklärten“. Von Bamberg über Forchheim kommend durchstreifte er per Pedes vor allem das Wiesenttal samt einiger Nebentäler. Die dabei gewonnenen Eindrücke hielt er in einem 20-strophigen Gedicht fest, welches unter der Hauptüberschrift „Fahrende Leute“ als „Exodus Cantorum - Bambergischer Domchorknaben Sängerfahrt“ Eingang in die Weltliteratur fand, ebenso wie sein „Trompeter von Säckingen“ (1854) oder der Mittelalter-Roman „Ekkehard“ (1855).

Außerdem schrieb er regelmäßig Briefe an seine Mutter. In einem heißt es: „Während Ihr in Wildbad ward, habe ich, als allmählichen Schluss meines Aufenthaltes im Frankenland, einen herrlichen Ausflug ins Hochland der sogenannten Fränkischen Schweiz unternommen. Es ist dies ein in den schönsten Punkten nur dem Fußwanderer zugänglicher Gebirgsstrich zwischen Bamberg, Nürnberg und Bayreuth. Meine Erwartungen wurden weit übertroffen, ich fand es schöner, großartiger und origineller, als ich vermutete“. 1883, drei Jahre vor seinem Tode war Scheffel zum zweiten Mal in der Region. Hier gefiel ihm vor allem der Ort Streitberg wo er im Kurhaus (einzige Molkekuranstalt Bayerns damals) logierte und Gößweinstein mit seiner schon damals berühmten Basilika Minor. Er nahm Quartier im Gasthof Distler nebenan.

Sein Eintrag ins Fremdenbuch sorgte schon bald für Furore. Er lautet: „Victor v. Scheffel, Belletriste, Carlsruhe, Gößweinstein, 4. Septbr. 1883“. Unter diesem Eintrag liest man weiter eine kritische Selbstbetrachtung: „Belletriste? siehste wie Du biste. Belle warste, triste biste, siehste, wie de biste, Belletriste?“ (Am interessantesten atemlos zu lesen).

1926, anlässlich des 100. Geburtstages kam durch den damaligen FSV-Hauptvorsitzenden Hans Hertlein aus Streitberg die Anregung zur Aufstellung eines „Scheffel-Denkmales“. In den 20-er Jahren entstanden die ersten „Scheffel-Tafeln“, die am jeweiligen Standort der Strophe installiert wurden, 1929, initiiert durch August Sieghardt und den damaligen Wirt des Distlergasthofes Georg Heßler entstand die „Scheffelstube“ im bald nach ihm benannten „Scheffelgasthaus“; mit hundert Exponaten, die seither an das Leben und Wirken des Schriftstellers erinnern. 1933 gesellte sich gegenüber des Scheffelgasthofes, das „Scheffeldenkmal“ hinzu, das seither als Mittelpunkt einer kleinen Gartenanlage an die „goldene Zeit“ des 19. Jahrhunderts erinnert. Joseph Victor von Scheffel starb am 9. April 1886 in seiner Geburtsstadt Karlsruhe mit 60 Jahren.

Reinhard Löwisch

Joseph Victor von Scheffel: Exodus Cantorum oder -
Bambergischer Domchorknaben Sängerfahrt durch die Fränkische Schweiz

Von den 20 Strophen handeln 18 (außer der ersten und der vorletzten) von der Reise durch die Fränkische Schweiz. Sie finden sich auf 26 Tafeln an den jeweils beschriebenen Plätzen. Das heißt, einige Tafeln kommen doppelt und dreifach vor, beispielsweise die mit der ersten Strophe (Walberla), mit der achten (Burg Rabenstein), mit der neunten (Pottenstein) und der elften (Gößweinstein). Die Schreibweise folgt einer Jubiläumsausgabe der gesammelten Werke in 6 Bänden von 1907; erschienen im Verlag Adolf Bonz Stuttgart.

1
Ob Forchheim bei Kircherenbach
Woll'n wir zu Berge steigen,
Dort schwingt sich am Walpurgistag
Der Franken Maimarktreigen;
Der ist seit grauer Heidenzeit
Noch allem Landvolk teuer,
Schatzkind, halt Gürtel fest und Kleid,
Wir springen durch die Feuer!

2
Drauf schlendern wir talaufwärts hin,
Wo über Busch und Wiesen
Der Schlüsselberger Vesten kühn
Die Taleswindung schließen,
Mit Namen sind sie bös genannt,
Links droht der Bergdes Streites",
Rechts brüstet auf der Felsenwand
Sich breit das Eck des Neides".

3
Am Streitberg ragt der Steinklotz schroff
Und weiß, wie meerverwaschen,
Das Pilgerstüblein auf dem Hof
Weiß nichts von leeren Flaschen.
Noch blüht dem Talvogt Christian
Karfunkelrot die Nase,
Und Weihrauchdampf, der Burgkaplan,
Turniert mit ihm beim Glase.

4
Vor Neideck drüben woll'n wir auch
Mit Schall die Fiedel streichen,
Daß die am Tor nach Hofburgsbrauch
Den Spielmannspfennig reichen.
Frau Wulfhild mit der Sammethand
Erscheint im Veilchenkränzlein;
Die Herren trabten weit ins Land,
Wohlauf ein Schülertänzlein!

5
Zum schwindelhohen Adlerstein
Versuch ich früh ein Klettern,
Schau rundum ins Gebirg hinein
Und laß die Laute schmettern.
Frühnebel spielt, von Wind gefacht
Um Felsen, grobgestaltig,
Hochland, wilde Hochlandpracht,
Täler grün und waldig!

6
Das Rabeneck hängt keck und fest
An finstrer Felsenrippe,
Als zieme solch Raubvogelnest
Zum Schmuck jedweder Klippe ...
Und eh' wir es nur recht besahn,
Erhub ein Knapp' schon Händel,
Er lief uns mit dem Wolfsspieß an
Und pfändete die Mäntel.

7
Am Klausensteiner Kirchlein stand
Der Klausner in Gedanken
Und sprach: "Hier schaut ihr in das Land
Der Steine und der Franken."
Der Wende dacht', es wäre sein,
Wir nahmen's ihm als Sieger:
Auf jedem Berg ein schroffer Stein,
Auf jedem Stein ein Krieger!

8
Gottlob, bald war der stolze Bau
Zum Rabenstein ereilet,
Dank, dreimal Dank der hohen Frau,
Die allen Kummer heilet.
Dem Mäntelräuber sang ich Fluch,
Die Gute hört's im Hofe,
Und bracht' fünf  Ellen lündisch Tuch
Als Gottestrost die Zofe.

9
Dank auch, auf Albuinos Schloß
Dir, tapfrer Pottensteiner!
Du nahmst uns auf, an Güte groß,
Sangfroh wie unsereiner.
Wie schwand die Nacht beim Becherruck,
Wie dröhnten deine Hallen
Beim Jägerlied vom Guiguck
Und den drei Nachtigallen!

10
Schmal wohnt im Burgstall Tüchersfelds
Ein Burgmann sonder Tadel,
Ob seinem Haus zackt sich ein Fels
Schmalspitz wie eine Nadel.
Schmalhans pflegt auch des Haushalts sein,
Wir woll'n ihn nicht besuchen,
Bis daß die Asbach fließt von Wein,
Sein Fels ein Zimmetkuchen.

11
Wer dich, o Goswinstein erbaut,
Verbrauchte manch Pfund Heller ...
Sigiza, alte Knappenbraut,
Führt uns zum steilen Söller!
Wer hoch dort ob dem Abgrund schwebt,
Dem liegt die Welt zu Füßen,
Und wer vor Runzeln nicht erbebt,
Darf die Sigiza küssen.

12
Dem Fels entsprudeln stark und kühl
Drei nah vereinte Quellen
Und tragen bei der Stempfermühl
Zur Wisunt ihre Wellen ...
Wo Wiesent einst und Elch und Ur
Vreislich (mhd: schrecklich) zur Tränke trabte,
Dort war's gottlob doch einmal nur,
Daß Wasser uns erlabte.

13
Wisunt, Bergströmlein frisch und gut
In enger Taleswildnis,
Wie spiegelst du in klarer Flut
Der weißen Felswand Bildnis,
Strömst tiefgrün wie ein Alpensee,
Durchsichtig bis zum Grunde ...
Forellen schnalzen in die Höh',
Gern prüft ich sie im Munde.

14
Doch seh' ich hoch im Ahornwald
Burg Gailenreuth, dich wieder,
Läuft mir ein Rieseln schauer kalt
Als Warnung durch die Glieder:
An Händ' und Füßen eingepflöckt
Im finsteren Verließe
Lernt' ich wie man die Beine streckt
In jenem Paradiese.

15
Herr Eberhart von Wicherstein,
Wo sind den Eure Hallen?
Sonst fiel Euch selten etwas ein,
Jetzt? Alles eingefallen!
Von Nürenberg Frau Ebenhoch
Hielt Tanz auf diesem Rasen;
Der Burgvogt hat die Schlüssel noch,
Die Burg ... ist weggeblasen.

16
Von Moggast geht's durch steinig Feld
Hinüber nach Drameusel,
Dort steht versteckt am End der Welt
Ein wohlummauert Häusel;
Nachts reiten Reiter ein und aus,
Weiß nicht, was sie erschnappen ...
Krispinus ist Patron im Haus,
Der Stegreif blinkt im Wappen.

17
Am Turm von Aufseß grüßt uns dann
Die Rose aus blauem Schilde,
Ein schriftgelehrter Rittersmann
Hegt sie in ernster Milde.
In der Kapelle hat er sich
Schon Gruft und Sarg bestellet,
Doch zecht er noch frisch tugendlich,
Wenn er den Hirz gefället.

18
... Und schaut der Zeh zum Schuh heraus
Und blüht der Lenz zu Ende,
So schleicht der Mensch bestäubt nach Haus
Durch's grüne Maingelände.
Doch ob von langer Wanderschaft
Die Saiten all zersprungen:
Im nächsten Jahr, schenkt Gott die Kraft,
Wird wieder frisch gesungen!