Bismarck in der Fränkischen Schweiz Anno 1865

Tüchersfeld. Das berühmteste "Felsendorf" der Fränkischen Schweiz verdankt seinen großen Bekanntheits-grad der Lage einiger Häuser, die zum Teil in die Felshänge hineingebaut scheinen. Maler aus aller Herren Länder hielten schon im vergangenen Jahrhundert dieses eigenartige Bild fest, Literaten beschrieben die landschaftliche Schönheit, berühmte Männer besuchten die Gegend, verliehen ihr damit Glanz. Und noch heute führt jede Ausflugsfahrt in die "Fränkische" natürlich auch nach Tüchersfeld. Zumal es dort seit nunmehr zehn Jahren das bedeutendste Museum der Region gibt, wo man längst vergangene Epochen für die Zukunft konserviert und wo noch immer fleißig in der Geschichte der Fränkischen Schweiz geforscht wird.

Geschmackswandel: Die Romantiker Wackenroder und Tieck wussten vor 200 Jahren noch nicht, was ihnen mit dem Püttlachtal entgangen war damals konzentrierte sich das Interesse auf die Unterwelt und die Gegend um Muggendorf. Doch schon knapp 20 Jahre später fand das eigenartige Felsendorf seine erste Erwähnung durch Johann Fick in seinem historisch topografischen Reisehandbuch der Gegend um Erlangen. In der Folge wurde das Püttlachtal mit Tüchersfeld und Pottenstein ebenso häufig bestaunt, beschrieben und im Bild festgehalten wie Gößweinstein oder Muggendorf, so zum Beispiel von Josef Heller in seinem viel gelesenen Reisehandbuch: "Muggendorf und seine Umgebungen" von 1829. Zahlreiche Berühmtheiten folgten aufgrund dieser Beschreibung den Spuren der Reiseliteraten, Könige und Künstler. Studenten, aber auch Staatsmänner erholten sich hier. Nach Pottenstein: Einer der bedeutendsten Männer des 19. Jahrhunderts reiste im Sommer 1865, inkognito durchs Püttlachtal. Es war Otto Graf von Bismarck, der spätere Reichskanzler. Von Forchheim soll er gekommen sein, über Behringersmühle und Tüchersfeld wanderte er mit seinem Diener nach Pottenstein.

Im Gasthof "Zum Püttlachtal", beim damaligen Gastwirt Karl Seiller, kehrten beide zu Kaffee und Kuchen ein. Merkwürdig aufgefallen sind die beiden Herren: Der eine in Rock und Zylinder, der andere in einfacher Kleidung, unterhielten sich beide mit dem Wirt über Land und Leute. Nach einem kleinen Imbiss und einem "Seiller Bier" verabschiedeten sich die beiden vom Wirt und seiner damals zehnjährigen Nichte Margarethe, ohne erkannt worden zu sein. Auf Bitten des Wirtes trugen sie sich noch ins Gästebuch ein, aber erst als die beiden "Preußen" schon lange weg waren, schaute Seiller im Gästebuch nach und entdeckte, welch berühmten Gast er bewirtet hatte: den damaligen Ministerpräsident und späteren Reichskanzler Otto Graf von Bismarck.

Regierung prüfte. Der Besuch sprach sich bald in der ganzen Gegend herum, sogar die Regierung von Oberfranken wurde darauf aufmerksam, und forderte von Seille'r besagten Gästebucheintrag an, zwecks Überprüfung. Schon wenige Tage später kam das Buch zurück mit der Bemerkung, dass die Unterschrift Bismarcks echt sei. Von da an "pilgerten" viele Leute ins Gasthaus, um sich von dem Eintrag zu überzeugen. Einer der Begutachter war anscheinend selbst ein Bismarck Fan, denn eines Tages fehlte die Seite mit seinem Eintrag. Einziger Zeuge der Begegnung war danach (bis zu ihrem Tod anfangs der 50er Jahre) die Nichte Margarethe, die als Zehnjährige dem Besuch Bismarcks beiwohnte. Ein Jahr später, 1866, soll Bismarck übrigens, nach unbestätigten Berichten, noch einmal in der Fränkischen Schweiz, diesmal in Pegnitz, gewesen sein. Reinhard Löwisch

Aktuelles Lexikon: Otto Graf von Bismarck (1815 bis 1898) war schon 1847 Abgeordneter im preußischen Landtag. Nach seiner Tätigkeit als Gesandter in Petersburg und Botschafter in Paris ernannte ihn 1862 Kaiser Wil-helm I. zum preußischen Ministerpräsidenten. Mit dem Ende des Krieges gegen Frankreich 1871 und der Ausrufung Wilhelms I. zum deutschen Kaiser wurde Bismarck der erste deutsche Reichskanzler, eine auf ihn zugeschnittene Schlüsselstellung, den als einziger Minister war er nur dem Monarchen gegenüber ver-antwortlich. Seine Außenpolitik war wegen andauernder, innenpolitischer Dauerkrisen (Sozialistengesetz, Kulturkampf, wirtschafts- und sozialpolitischer Wende) defensiv und friedliebend. Berühmt war seine Diplomatie, die zu zahlreichen Bündnissen und letztendlich 1887 zum Friedensvertrag mit Russland führte. Wegen persönlicher und sachlicher Gegensätze zu Kaiser Wilhelm I. wurde Bismarck von diesem al Reichskanzler 1890 entlassen. „Der Lotse geht von Bord” war ein viel zitierter Kommentar seinerzeit in den Boulevardblätter zum Abgang des 75jährigen Reichskanzlers.

Neues Volksblatt, 23.2.1963 - „Bismarck-Gasthaus wurde Gotteshaus Der „Eiserne Kanzler" war einst Gast in dem romantischen Felsendorf Tüchersfeld

TÜCHERSFELD. Namen bedeutsamer Persönlichkeiten des In- und Auslandes verknüpfen sich mit den anmutigen Felsentälern der Fränkischen Schweiz. Künstler und Schriftsteller, Gelehrte und Naturwissen-schaftler von Rang und Namen waren in der vielbesungenen Fränkischen Schweiz zu Gast, so auch Otto Graf von Bismarck im Felsendorf Tüchersfeld im herrlichen Püttlachtal. Man schrieb das Jahr 1865, als an einem Sommertag ein Fremder in Begleitung eines Dieners durch die Fränkische Juralandschaft wanderte. Es war kein anderer, als der spätere deutsche Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck. Er zählte damals 50 Jahre und hatte es bereits zum preußischen Ministerpräsidenten und preußischen Minister des Auswärtigen gebracht. In Begleitung eines Dieners erschien er eines Tages am Bahnhof in Forchheim, um von da im Wegen durch das untere Wiesenttal über Ebermannstadt nach Muggendorf und Behringersmühle zu reisen. Dort durchwanderten die beiden das felsgeschmückte Püttlachtal nach Tüchersfeld. Im Brauerei-Gasthof von Karl Josef Seiller, der bis zum Jahre 1952 bescheiden hinter dem jetzigen Gasthaus „Zum Püttlachatal" stand, kehrten die beiden ein. Der Wirt, Seiller, der lange Jahre Bürgermeister des Felsendorfes war, erzählte ihnen, den sein Gasthaus eines der ältesten der ganzen Gegend sei. Auch über Politik wurde gesprochen, wobei seitens des Wirtes auch der Name Bismarck fiel. Bei der Verabschiedung trugen sich die beiden auf Bitten des Wirtes in das Fremdenbuch ein. Als sich die beiden „Preußen" entfernt hatten und durch das Püttlachtal in Richtung Pottenstein marschierten, da entdeckte der Wirt Seiller beim Nachsehen im Fremdenbuch erst, welch hohen Gast er da bewirtet hatte.

„Graf Otto v. Bismarck - Schönhausen, Preußischer Ministerpräsident" lautete der Eintrag, auf den Seiller natürlich nicht wenig stolz war. Die Sache von Bismarcks Besuch in Tüchersfeld sprach sich bald in der ganzen Fränkischen Schweiz herum und kam auch zu Ohren der Regierung von Bayreuth. Diese richtete an Seiller die Aufforderung, das Fremdenbuch mit dem angeblichen Eintrag Bismarcks zwecks Überprüfung der Handschrift nach Bayreuth einzusenden. Seiller kam dem Wunsche nach und erhielt nach wenigen Tagen das Buch mit dem Bemerken zurück, dass die Unterschrift Otto von Bismarcks als echt erkannt worden sei. Von da ab kamen viele Leute nach Tüchersfeld, um sich von dem Eintrag zu überzeugen und sich von dem „Bismarck-Wirt Seiller" den Verlauf seiner Begegnung erzählen zu lassen. Als Seiller 1902 starb, übernahm seine Nichte Margarete Brütting die Wirtschaftsführung. Im Jahre 1912 musste sie zu ihrer Betrübnis feststellen, dass der Bismarckeintrag aus dem Fremdenbuch von einem Autogramm-Jäger herausgeschnitten und gestohlen worden war. Trotz aller Nachforschungen blieb er verschwunden. Margarete Brütting, die als Nichte ihres Onkels Karl Josef Seiller die alleinige Erbin war, gab nach ihrem Tode den ganzen Besitz der katholischen Kirchenstiftung Gößweinstein mit der Bestimmung, an Stelle des alten Gasthauses ein Gotteshaus zu erbauen. Ihr Wunsch wurde vor über einem Jahrzehnt Wirklichkeit und zum Segen des bekannten Felsendorfes. Die edle Stifterin wurde aus dem Gößweinsteiner Friedhof in den neu angelegten Friedhof nach Tüchersfeld übergeführt und ruht jetzt neben „ihrem" Gotteshaus. Der Tüchersfeider „Bismarckwirt" lag auf dem alten Gößweinsteiner Friedhof begraben, der vor einigen Jahren aufgelassen und in eine schöne Grünanlage umgestaltet wurde. Sein Ölgemälde aber ziert in dankbarer Erinnerung das jetzige Pfarrhaus in Tüchersfeld. (oh)